Eine Frau und mehr

Die Diva der Nacht Sex, Showbiz, Glanz und Leid – bei Romy Haag liegt alles dicht beisammen. Sie ist eine Kultfigur, die ihre Geschichte mit ganz persönlichem Blick auf die Popkultur und die Gesellschaft erzählt. Sie erinnert sich nicht nur an ihre Showkarriere, sondern räumt schonungslos und erhrlich mit Klischees über sich und ihr Leben als Transsexuelle auf. Ihr Erfolg ist zugleich die Geschichte eines Kampfes gegen Intoleranz und Vorurteile.

Leseprobe - „David und ich“

Seite 196 […]

Nachdem wir uns getrennt hatten, ließ er fast einen ganzen Monat lang nichts von sich hören. Doch dann klingelte mitten in der Nacht das Telefon. „Ich vermisse dich“, sagte er. „Und ich will nach Berlin ziehen.“ David hatte vor, in den Berliner Hansastudios an der Mauer eine Platte aufzunehmen. Als er schließlich ankam, war er fix und fertig. Er hatte auf seiner Tournee so viele Drogen genommen, daß er unter schweren Depressionen litt. David schnitt sich die Haare kurz, mietete eine Altbauwohnung in der Hauptstraße und arbeitete tagsüber im Studio. Abends lag er meist zugeknallt in meiner Garderobe herum. Bezeichnenderweise hieß die Platte, die er in Berlin produzierte, „Low“. […] Davids Kokainkonsum führte schließlich dazu, daß ich auch ein sexuelles Problem mit ihm bekam. Ich reagierte sehr empfindlich auf Gerüche, gerade bei meinen Liebhabern. Leute, die viel koksen, verlieren ihren Eigengeruch und riechen wie ein Chemiebaukasten. So war es auch bei David. Die Drogen fraßen seine körperliche Aura geradezu auf, und ich begann darunter zu leiden. Das unangenehmste an der Entwicklung unserer Beziehung aber war die Presse. Die Fotos von David und mir aus Paris erschienen in der Sun, und die internationale Boulevardpresse hatte es von da ab geschlossen auf uns abgesehen: „Davids Freundin ist ein Kerl“ oder „Bowie liebt Transvestiten“ waren noch die harmlosen Schlagzeilen – für das Image eines internationalen Popstars war eine solche Publicity nicht gerade förderlich. Für mich war das alles sehr anstrengend, weil ich David trotz allem sehr gern hatte. Wir verbrachten wunderbare, unbeschwerte Tage miteinander – meistens allerdings dann, wenn wir allein bei mir in der Wohnung waren, das Telefon abstellten und jede Art von Öffentlichkeit aussperrten. Trotz allem lebten wir uns irgendwie auseinander. Als er aus Berlin wegzog, bekam ich noch eine Zeit lang Postkarten, die mit „Love, David“ unterschrieben waren, oder Anrufe von ihm. Meistens sagte er nur: „Hier ist David.“ Und manchmal schwieg er einfach. Irgendwie hingen wir schon sehr aneinander.[…]

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